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Eine Mont Rigi Besteigung

Seit wir die Cabanne Michel verlassen haben, sind wir kaum höher gestiegen. Der Nebel wird dichter, der Wind rauscht durch die Tannen, die Sicht im trüben, grauen Licht nimmt rapide ab.

Die nahe Strasse können wir weder sehen noch können wir den Verkehr hören. Plötzlich ragt vor uns eine dunkle, steile Felswand auf. Es kann doch nicht sein, dass hier eine senkrechte, felsige Mauer ansteigt! Es kommt uns vor, wie wenn wir 1879 bei der Rigi-Besteigung von Marc Twain mit von der Partie wären:

Um neun Uhr machten wir die wichtige Entdeckung, dass wir jeden Pfad verloren hatten. Wir krochen auf Händen und Knien umher, konnten ihn aber nicht mehr finden; somit setzten wir uns wieder in das nasse Gras und warteten das Weitere ab. Plötzlich jagte uns eine ungeheure dunkle Masse, die vor uns auftauchte, nicht geringen Schrecken ein; sie verschwand aber alsbald wieder im Nebel, es war, wie wir später erfuhren, das längst ersehnte Rigi-Kulm-Hotel, aber die nebelhafte Vergrösserung liess es uns als den gähnenden Rachen eines tödlichen Abgrundes erscheinen.“

Der Nebel lichtet sich langsam, und nach und nach klärt sich, wo wir sind. Als wir um uns blicken, steht vor uns die Brasserie Mont-Rigi, die Fenster der Südwand, vor der wir stehen, hell erleuchtet.

Mont-Rigi liegt im Hohen Venn auf einem Hochplateau in Belgien auf einer Höhe von 675 m.ü.M. Mont-Rigi ist nicht eigentlich ein Berg mit einem Kulminationspunkt, sondern eine leichte Erhöhung auf der Hochebene mit einer Ansammlung von Häusern wie einem Restaurant, der Station „Scientifique des Hautes-Fagnes Université de Liège“ inklusive Wetterstation sowie einer Forstaussenstelle. über dieses Hochplateau haben die Preussen 1856 die Landstrasse von Eupen nach Malmedy fertiggestellt. Dort, wo die Strasse nach Robertville abzweigt, baute 1861 Monsieur Hoen aus Baelen, einem Nachbardorf von Eupen, eine Herberge und benannte diese schlicht „L‘ mon Hoen“ (Das Haus Hoen). Bekannt war der Ort bald wegen den Wetterbeobachtungen, welche der Sohn des Erbauers der Herberge vornahm. Die Beobachtungen und Aufzeichnungen wurden über Postämter der Provinz Lüttich verbreitet. Monsieur Nemery, der damalige Bürgermeister von Waismes, auf dessen Gemeindegebiet sich die Herberge befand, gab 1870 dem kleinen Flecken am westlichsten Zipfel seiner Gemeinde den Namen Mont-Rigi. Er konnte zu jener Zeit ohne Aufhebens Orte nach seinen Einfällen benennen, und so inspirierte er sich von der damals bis nach Belgien berühmten Rigi in der Innerschweiz. Mont-Rigi hat nur eine um 19 m geringere Höhe als das Signal de Botrange, welches mit 694 m ü. M. die höchste Erhebung Belgiens ist. Sie liegt ca. 1½ km östlich des Mont-Rigi. In den 1920er Jahren schüttete General-Gouverneur Baltia auf dem Signal de Botrange einen 6 Meter hohen Hügel auf, um den höchsten Punkt Belgiens auf 700 m Höhe anzuheben. Auf den offiziellen nationalen Karten blieb es jedoch immer bei den 694 m ü. M.
Das Hohe Venn (Fenn ist die niederdeutsche Bezeichnung für Moor), niederländisch de Hoge Venen , französisch Hautes Fagnes, ist Belgiens grösstes Naturschutzgebiet. Es liegt im Osten Belgiens, grenzt im Süden an Luxemburg und im Osten an Deutschland. Im Mittelalter weideten Viehherden auf dem Hochplateau. Danach begann der Torfstich. Die Laubbäume, die hier wuchsen, mussten der Nutzung weichen. Im 19. Jahrhundert wurden vormals abgeholzte Moorflächen mit Fichtenwäldern aufgeforstet sowie Entwässerungskanäle angelegt. Nachdem 1919 ein zwischen 20 und 50km breiter Grenzstreifen im Osten Belgiens, der das Hohe Venn umfasste, mit den Versailler Verträgen von Deutschland abgetrennt und 1925 zu Belgien überging, trat eine weitere Veränderung ein. Eine ausgedehnte Heidelandschaft mit Beständen an Fichten prägte das Hochplateau. Die Kulturlandschaft wurde zwar nicht intensiv, aber dennoch stetig genutzt. Dadurch sind die typischen Veränderungen durch den Menschen verursacht worden. Erste Versuche, das Hohe Venn zu schützen, begannen am Anfang des 20. Jahrhunderts. Erst 1957 erklärte der Belgische Staat das Hohe Venn zum Naturschutzgebiet, mit einer Grösse von 4100ha.

Mit dem Regierungsabkommen Belgien – Deutschland vom 3. Februar 1971 wurde der Entschluss gefasst, die nordrhein-westfälischen und rheinland-pfälzischen Teile des Naturparks Nordeifel mit dem belgischen Parc Naturel Hautes Fagnes zum grenzüberschreitenden Naturpark Hohes Venn-Eifel zusammenzulegen. Im belgischen Erlass vom Juli 1985 sind die Gebiete auf belgischer Seite definiert, welche zum Naturpark zählen, und 1985 war auch das Gründungsjahr des Naturparks Hohes Venn-Eifel. Das Naturschutzgebiet Hohes Venn ist darin mit einbezogen. 1992 wurden die Moore und Heiden in Zonen verschiedener Klassen aufgegliedert und sind seither streng geschützt. Das Begehen bestimmter Wanderwege im Hohen Venn wird im Frühjahr und Vorsommer zeitweilig untersagt, um Brutvögel und Amphibien nicht zu stören.

Das Klima, die Fülle an trockenen und feuchten Moorheiden sowie an Nieder- und Hochmooren machen die Flora und Fauna entsprechend vielfältig. Alpine, beziehungsweise boreale Gewächse sind zu finden. Lebewesen, die sich den extremen Bedingungen anpassen konnten, kommen vor. Zahlreiche seltene Pflanzen- und Tierarten sind heute vom Aussterben bedroht.



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Foto: ©M.Heini Alter Grenzstein vor 1918 Belgien-Deutschland   

Foto: ©M.Heini (Teilweise) über Laufstege durch das Hochmoor   

Foto: ©M.Heini Brasserie Le Mont Rigi   

Seit mehr als zehn Jahren werden mit dem gross und langfristig angelegten „LIFE-Projekt Hohes Venn“ (ein Projekt mit finanzieller Unterstützung der EU) in erster Linie Heiden und Moore renaturiert, um grössere und zusammenhängende Lebensräume für gefährdete Arten zu schaffen und zu erhalten. Massnahmen beinhalten die Abholzungen von gepflanzten Fichten, um Heide und Moore zurückzugewinnen, die Rückgewinnung von Mooren durch Flutung, womit Pfeifengras zu Gunsten von Torfmoos verdrängt wird sowie der Schutz einheimischer Laubhölzer wie die Stieleiche und die Moorbirke. Erfolge dieser Bemühungen haben sich rasch eingestellt. Trotz mehrerer wärmerer Winter in den vergangen Jahren (was für die Rückgewinnung ehemaliger Moorlandschaften unvorteilhaft ist), hat sich der Bestand an Birkhuhnpaaren gehalten, konnten die Fichtenwälder stark reduziert und grosse Moor- und Heidenflächen zurückgewonnen werden. Das Hohe Venn ist mit seiner Fauna und Flora, seinem besonderen Klima und seiner geographischen Lage ein für Europa einzigartiges Hochmoorgebiet. Die „Division du Patrimoine de la Région wallone de Belgique“ hat daher im April 2008 das Dossier über das Naturschutzgebiet bei der UNECO zur Prüfung für eine Aufnahme als Weltkulturerbe eingereicht.

Uns betrifft das einstweilen nicht. Die letzten Nebelfetzen haben sich verzogen, doch auch wenn die Sonne scheint, ist es Ende April mit dem leicht wehenden Nordwestwind ziemlich kühl. Die Brasserie Mont-Rigi hat an diesem Montagnachmittag wenige Gäste. Bei einer frisch zubereiteten heissen Schoggi wärmen wir uns auf. Das versüsst das Warten auf den Bus, der uns zurück nach Eupen bringt.

Manfred Heini, Bern / Bruxelles

Verweise für weitere ausführliche Informationen: Belgien, Ostkantone, Mont Rigi, Hohes Fenn

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