© AACB, Foto: R.Vogler, Berner Alpenpanorama vom Niederhorn BE
© Logo: AACB


"HüTTEN GEDANKEN"

BESUCHERZAHLEN UND KONSUMVERHALTEN - WAS STECKT DAHINTER ?

line 1px X 880px

Die vorliegende Notiz beschreibt die Zusammenhänge von verschiedenen Elementen innerhalb des Hüttenwesens
(Hüttenzustiege, Hüttenkomfort, Hüttenbesucher, etc.). Die Zusammenstellung stützt sich auf Erfahrungszahlen
von fünf Hütten über eine Periode von 10 Jahren (zwei AACB- und drei SAC-Hütten). Diese Tatsache erlaubte es auch, gewisse (semi-)quantitative Resultate zu präsentieren.

Besucherzahlen: Beeinflussende Faktoren

Vorerst wird aufgezeigt, welche Hauptfaktoren die Besucherzahlen in einer gegebenen Hütte beeinflussen können (Zugangssicherheit, "Zustiegsanforderungen", Zustand der Hütte – Komfortniveau, Wetter, etc.; siehe Grafik I).
Dabei gilt es fest zu halten, dass bestimme Faktoren - wie beispielsweise das Wetter - natürlich nicht beeinflussbar sind. Demgegenüber gibt es aber auch andere Faktoren, welche sehr wohl durch "anthropogenes" Handeln beeinflussbar sind ("Zustiegsanforderung", Komfortniveau, etc.)

Die Monte Rosa Hütte

In diesem Zusammenhang ist bestimmt das "Neue Monte Rosa Hüttenprojekt" zu erwähnen. Die Besucherzahlenentwicklung der neuen Monte Rosa Hütte war eines der kontroversesten und meist diskutierten Themen der letzten Jahre - unter Hüttenbau-, Energie- und Nachhaltigkeitsexperten.
Der Gipfel der diversen Kontroversen wurde im Jahre 2010 erreicht, als sich die zunehmenden Besucherzahlen ins "Uferlose" zu bewegen schienen (siehe Grafik II). Angesichts dieses massiven Besucherandranges wurde argumentiert, dass das ganze Projekt "Neue Monte Rosa" Hütte, beträchtliche Mängel in Sachen Energieversorgung, Energiemanagement und Nachhaltigkeit aufweise.
Ein Blick auf die Besucherzahlen der Folgejahre 2011 und 2012 zeigt jedoch, dass sich der Besucherandrang vom ursprünglichen "2010 Neuigkeits-Hype" allmählich wieder zurück auf einen eher, nachhaltigen Level zurück zu bewegen scheint.
Ein Level der übrigens in etwa auch den Dimensionen entspricht, wonach die Neue Monte Rosa Hütte konzipiert wurde.
Wichtig ist auch darauf hinzuweisen, dass die Hauptkomponente dieser "Normalisierung" auf den abnehmenden "Neuigkeitsfaktor" zurückzuführen ist, und dass saisonale Bergwetterschwankungen diesbezüglich eine eher untergeordnete Rolle zu spielen scheinen.


Grafik © Ueli Seemann, Bern
Grafik I © Ueli Seemann, Bern

Grafik © Ueli Seemann, Bern
Grafik II © Ueli Seemann, Bern

Der Triftkessel (Berner Oberland)

Der Triftkessel im Berner Oberland ist ein klassisches Beispiel, wo der Einfluss von Umweltveränderungen auf die Bergsport-aktivitäten und das Hüttenwesen im Speziellen demonstriert werden kann.
Der rasante Rückzug des Triftgletschers, bedrohte die Existenzberechtigung der Trifthütte massiv. Der alte Hüttenweg, welcher ehemals über den Triftgletscher führte, war nicht mehr passierbar da sich an Stelle des Gletschers ein Gletschersee bildete. Ohne weitere infrastrukturelle Massnahmen hätte sich dadurch der Trifthüttenzustieg auf eine unakzeptable / nicht mehr praktikable Länge verlängert.

Ein Blick auf die Trifthütten-Besucherstatistiken (siehe Grafik III) zeigt ein ziemlich eindeutiges Bild was die Besucherzahlen vor den infrastrukturellen Massnahmen betrifft (vor 2004) und die darauffolgenden Massnahmenjahre:
2004 - Hängebrücke & Hüttenwegsanierung
2005 - KWO Zubringer Luftseilbahn
2008 - Trifthüttensanierung
2009 - Neue Hängebrücke

Jede dieser Massnahmen hatte eine direkte Zunahme der Besucherzahlen in der Trifthütte zur Folge. Ein Blick auf die Folgejahre 2010 - 2012 zeigt jedoch dass sich der Besucherandrang vom ursprünglichen "2009 Neuigkeits-Hype" allmählich wieder zurück auf einen wohl eher nachhaltigen Level zu bewegen scheint. Was zudem auch erwähnt werden muss ist die Tatsache, dass gewisse ausserordentliche Bergwetter-Jahre (zum Beispiel 2008) die Besucherzahlen natürlich ebenfalls beeinflussten.

Die Entwicklung der Besucherzahlen von der Windegghütte (siehe Grafik IV), über die gleiche Zeitperiode wie diejenige der Trifthütte zeigt, dass sich die Windegg-Zahlen kongruent mit denjenigen der Trifthütte verhalten (infrastrukturelle Massnahmen resultieren in Zunahme der Hütten-Besucherzahlen). Dies ist nicht erstaunlich, wenn man bedenkt dass die Windegghütte mehr oder weniger
"en passant" auf dem Weg zur Trifthütte besucht werden kann.


Grafik © Ueli Seemann, Bern
Grafik III © Ueli Seemann, Bern

Grafik © Ueli Seemann, Bern
Grafik IV © Ueli Seemann, Bern

Hütten Bestimmungszweck und Konsumverhalten der Hüttenbesucher (in AACB Hütten)

Ein weiterer Aspekt welcher sich zur Thematik Hütten - Hüttenbesucher analysieren liess, war das Konsumverhalten der Hüttenbesucher. Für die Analyse dieses Konsumverhaltens wurden zwei Kategorien untersucht: die übernachtungs-Einnahmen und die "Gastro- Einnahmen". Dabei konnte auf einen lückenlosen, 10 Jahre überspannenden Datensatz von AACB Hütten Jahresabschlussrechnungen zurückgegriffen werden.

Vorerst gilt es beim Konsumverhalten von Hüttenbesuchern zwischen den verschiedenen "Zweckbestimmungen" von Hütten zu unterscheiden. Die zwei End-Member Hüttentypen sind:
- Die "Gipfelhütte" (man benützt die Hütte als Etappenort zum Ziel – dem Gipfel "X")
- Die "Durchgangs- Wanderhütte" (man besucht die Hütte als Durchgangswanderziel / Rastort - primär nicht mit einer
  Gipfel-Besteigungsabsicht)

Das Konsumverhalten der Hüttenbesucher in diesen zwei Hütten-Typen ist - nicht unerwartet-erweise - recht unterschiedlich
(siehe Grafik V).
- In "Gipfelhütten" betragen die Einnahmen aus übernachtungen prozentual deutlich mehr als in "Durchgangs- / Wanderhütten"
- Dementsprechend stellen die "Gastro-Einnahmen" in "Durchgangs- / Wanderhütten" einen prozentual höheren Anteil dar
  als dies in "Gipfelhütten" der Fall ist.

Betrachtet man nun das Konsumverhalten über die analysierte, ganze Zeitperiode von 10 Jahren, ergibt sich wiederum ein eindeutiger - jedoch nicht unerwarteter - Trend.
Die prozentuale Verteilung an übernachtungeinnahmen und "Gastro-Einnahmen" innerhalb ein und demselben Hüttentyp hat sich über diese 10 Jahre deutlich zu mehr und mehr "Gastro-Einnahmen" entwickelt (siehe Grafik VI).
Das heisst, unsere Hütten scheinen sich langsam aber kontinuierlich und unaufhaltsam mehr in Ess- / Trinkraststätten zu verändern und immer weniger als übernachtungsort zu dienen. Diese Erkenntnis ist absolut nicht neu, wurde hier aber zum ersten Mal (nach unserer Kenntnis der Materie) auf der Basis einer statistisch relativ soliden Datenbasis, quantitativ erfasst.


Grafik © Ueli Seemann, Bern
Grafik V © Ueli Seemann, Bern

Grafik © Ueli Seemann, Bern
Grafik VI © Ueli Seemann, Bern

Fazit

Das Fazit der vorliegenden Zusammenstellung ist ein recht "banales" - in seiner Art aber doch neu. Die aufgezeigten Zusammenhänge der verschiedenen Elemente im Hüttenwesen (Hüttenzustiege, Hüttenkomfort, Hüttenbesucher, etc.) sind allseits bekannt. Neu - nach unserer Kenntnis der Materie - ist jedoch die Tatsache, dass es Dank einer recht soliden Datenbasis möglich war, diese Zusammenhänge, zumindest semiquantitativ zu belegen.

In Kürze kann zusammengefasst werden:
- Hüttenbesucherzahlen lassen sich nicht planen - hier hat "Mutter Natur" das Sagen.
- Hüttenbesucherzahlen und Konsumverhalten lassen sich beeinflussen - hier haben das Hüttenmanagement
  und vor allem die Hüttenwarte an der Front das Sagen.
- Diese Möglichkeit der Einflussnahme auf zukünftige Entwicklungen stellt eine anspruchs- und verantwortungsvolle
  Herausforderung an alle involvierte Personen im Hüttenwesen dar.

Herzlichen Dank für wertvollen Input und kritische Durchsicht des Artikels geht an folgende AACB- und SAC-Kollegen: Jean-Pierre Lorétan (Hüttenverwalter Sektion Bern SAC), Walter Brog (Hüttenchef Trifthütte), Bruno Scheller, Jürg Abegglen, Anni Imstepf (HüttenwarteIn der AACB Hütten Engelhorn, Schmadri und Bietschhorn), Adrian Strauss (Hüttenchef AACB), Bruno Lüthi (SAC Hütten-Marketing, SAC Geschäftsstelle).
Ein spezieller Dank geht auch an Prof. Stephanie Hellweg (ETH Zürich) für wertvolle Informationen bezüglich der Monte Rosa Hütte.

U. Seemann, Bern,   Februar 2013                       (Text, Grafiken unterliegen dem © !)


Grafik © Ueli Seemann, Bern
Grafik VII © Ueli Seemann, Bern

 |  Kontakte  |  Impressum Disclaimer  |  © 2017 noh.ch  |